Am 13. Dezember 2023 geschah in Steglitz-Zehlendorf etwas, das man später einmal einordnen wird zwischen Mauerfall und Faxabschaltung.
Der Livestream der Bezirksverordnetenversammlung wurde eingeschaltet.
Nicht aufgezeichnet.
Nicht untertitelt.
Aber: eingeschaltet.
Berlin hielt den Atem an.
Andere Bezirke hatten zu diesem Zeitpunkt bereits seit Jahren Streams, Mediatheken, Untertitel, Zeitmarken, teilweise sogar Ton.
Steglitz-Zehlendorf jedoch sagte:
Nein.
Wir machen das jetzt live.
Oder gar nicht.
Denn ein Livestream ohne Aufzeichnung ist kein Service.
Er ist ein Ereignis.
Wie eine Sonnenfinsternis.
Oder ein Behördenbesuch ohne Termin.
Wer dabei sein will, muss bereit sein.
Zeitlich.
Seelisch.
Hydriert.
Man kann nicht vorspulen.
Man kann nicht zurück.
Man kann nicht später.
Demokratie passiert jetzt.
Oder sie ist weg.
Barrierefreiheit?
Selbstverständlich.
Man darf zusehen, wie sie nicht stattfindet.
Untertitel fehlen konsequent.
Nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Haltung.
Sprache soll wieder flüchtig sein.
Gesprochenes Wort.
Verweht im digitalen Äther.
Wie ein Zwischenruf, den niemand gehört hat, aber alle bereuen.
Der Stream richtet sich an eine sehr spezifische Zielgruppe:
Menschen, die
- Mittwochabend Zeit haben
- gerne zwei Stunden zuhören, wie über Bordsteine gesprochen wird
- und das Wort „Kenntnisnahme“ erotisch finden.
Wer die Sitzung verpasst, hat Pech.
Oder Glück.
Je nach Charakterstärke.
Denn eine Aufzeichnung würde suggerieren,
dass das Gesagte wiederholbar sei.
Oder schlimmer: überprüfbar.
So aber bleibt alles, wie es sein soll:
Live.
Vergänglich.
Unverständlich.
Der Livestream ist damit kein Medium.
Er ist ein Ritual.
Ein Opfer an den Gott der Transparenz,
bei dem man leider vergessen hat, das Licht anzuschalten.
Steglitz-Zehlendorf sendet.
Aber es hinterlässt keine Spuren.
Wie ein Staatsakt im Nebel.
Mit Mikrofon.
Ohne Gedächtnis.
Und irgendwo sitzt jemand vor dem Bildschirm,
starrt auf das Wappen,
wartet seit 77 Minuten auf Tagesordnungspunkt 6
und denkt:
Dafür habe ich mir extra nichts vorgenommen.
Demokratie.
Live.
Und sonst leider offline.

